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Geschichte des Friedhofs und seiner Grabkunst

Der jüdische Friedhof Altona und das Eduard-Duckesz-Haus

Durch den Gitterzaun entlang der Königstraße schaut man auf eine verwunschene Welt. Unter dem dichten Laubdach hoher Bäume kann man uralte Steine mit fremdartigen Schriftzeichen erspähen.  Lange erschloss sich eines der ältesten und bedeutendsten Hamburger Kulturdenkmäler nur dem aufmerksamen Passanten. An diesem Ort begruben die Hamburger, Altonaer und zeitweise auch Wandsbeker Juden ihre Toten. Sie brachten sie zum Heuberg – nach jüdischer Tradition weit entfernt von der Besiedlung.  Hier konnten 1611 die aus Portugal nach Hamburg eingewanderten Sefarden den ersten jüdischen Friedhof in Norddeutschland erwerben.  Sie erhielten von den Schauenburger Grafen und später vom dänischen König in Kopenhagen das wichtige Privileg, den Friedhof auf Ewigkeit anlegen zu dürfen. 1618 konnten die in Altona ansässigen deutsch bzw. jiddisch sprechenden Aschkenasen ein benachbartes Grundstück erwerben, um ebenfalls einen Friedhof zu gründen. Viele Jahre waren diese Altonaer jüdischen Friedhöfe durch eine Mauer voneinander getrennt. Heute stellen sich die einst getrennten Friedhöfe als einer dar.  Im Zentrum der Anlage liegt der nahezu steinlose Hamburger Teil, der nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs als untergegangen galt. Im Zuge der Restaurierungsarbeiten sind jedoch viele Fragmente von Grabsteinen wieder aufgefunden worden, die einen neuen Blick auf die Hamburger Gemeinde erlauben werden, sobald sie erforscht sind.

Seit 1999 wird der Friedhof im Zuge einer Initiative Hamburger Stiftungen -  darunter die Herrmann Reemtsma Stiftung, die ZEIT-Stiftung, die Axel-Springer-Stiftung und die Stiftung Denkmalpflege Hamburg – systematisch erforscht  und restauriert. Nach den Arbeiten von Michael Studemund-Halévy über die portugiesisch sprachigen Sefarden wurden vom Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut unter Michael Brocke die aschkenasischen, hebräisch beschrifteten Grabsteine übersetzt und kommentiert.  Einen Grabstein kann man als Lebensgeschichte oder Empfehlung an das Jenseits lesen. In den langen Texten werden die Verdienste der Verstorbenen gepriesen – häufig unter Verwendung passender biblischer Zitate. Diese Inschriften sind oft vertrackt für den Übersetzer, da die hebräische Sprache viel Raum für Interpretationen lässt. Sie wird ohne Vokale geschrieben, es werden viele Abkürzungen verwendet, Zahlen werden durch Buchstaben dargestellt, können also auch als Wort gelesen werden. Es ist spannend, mit den erfahrenen Judaisten vor einer Grabinschrift zu stehen, über deren Bedeutung sich eine lebhafte Diskussion entspinnt.

Der jüdische Friedhof Altona hat aber auch künstlerische Besonderheiten: Die Sefarden begruben ihre Angehörigen unter wuchtigen Grabplatten, die mit barocken Steinmetzarbeiten staunen lassen. Ein ganzer Kosmos von Putti, Totenschädeln, geflügelten Sanduhren oder gar einer Hand aus den Wolken, die einen Ast vom Baum des Lebens fällt, bevölkert die Grabsteine. Das jüdische Bilderverbot? Biblische Gestalten treten uns auf den Grabsteinen entgegen und verkörpern den Vornamen des oder der Bestatteten. Daniel muss in der Löwengrube schmachten, Jakob träumt von der Engelsleiter, Rachel führt ihre Schafe zum Brunnen. Selbst eine barbusige Caritasfigur mit zwei Säuglingen begegnet uns gleich zweimal. Die Feinheit dieser Steinarbeiten führte Kunsthistoriker zu der Aussage, dass wer in Hamburg Barock sehen möchte, zum jüdischen Friedhof gehen muss. Auch Phantasiewappen und Stammbäume der Nachfahren gehören zu dem außergewöhnlichen plastischen Reichtum der Sefardengräber.

Strenger ist die Welt der Aschkenasen. Von den niedrigen rundbögigen Grabsteinen zu den hochaufgerichteten überlebensgroßen Grabstelen der Barockzeit gilt die Regel, dass aschkenasische Steine – im Gegensatz zu denen der Sefarden – aufrecht stehen. Hier haben die Bemühungen der Restauratoren in den vergangenen Jahren viel geleistet, denn zuvor waren durch Alter, Kriegseinwirkungen und Vandalismus, die meisten Steine umgestürzt.  Auch wenn sie eine gewisse Pracht entfalten, sind sie weit weniger geschmückt als die sefardischen Steine.  Das Wort und der geschliffene Umgang mit der Sprache haben hier Vorrang. Die Altonaer aschkenasische Gemeinde war eine intellektuelle. Viele Verlage publizierten hier religiöse Werke, die heute noch studiert werden. Die Altonaer Rabbiner hatten überregionale Bedeutung. Viele von ihnen liegen in einer eigenen Rabbinerreihe, die häufig von Gläubigen besucht wird. Besonders die Grabstätten von Jakob Emden und Jonathan Eybenschütz werden zum jeweiligen Todestag, der "Jorzeit", besucht.

Erst seit 2007 ermöglicht die Stiftung Denkmalpflege Hamburg regelmäßige Öffnungszeiten und Führungen auf dem Jüdischen Friedhof Altona. Mit dem Eduard-Duckesz-Haus wurde ein Besucherzentrum geschaffen, in dem Vorträge und kleine Ausstellungen stattfinden. Außerdem lädt eine Bibliothek zu jüdischer Kultur, Religion und Friedhöfen dazu ein, sich weiter auf das Thema einzulassen. Die außergewöhnliche Architektur auf einem schmalen Grundstück, dass auf der Grenze der Friedhöfe einschneidet, ohne jemals Bestandteil des Friedhofs gewesen zu sein, erlaubt einen Panoramablick – auch für solche religiösen Besucher, denen das Betreten des Friedhofs nicht gestattet ist.

Der Jüdische Friedhof Altona ist eines der drei UNESCO Weltkulturerbe Projekte, für die die Stadt Hamburg einen Antrag stellen will. Die einmalige sefardische Grabkunst, die durch verwandtschaftliche Beziehungen und Umzüge in gleicher Form nur noch in Amsterdam und in der Karibik zu finden ist, macht ihn zu einem wahrlich globalen Kulturdenkmal. Die überragende Bedeutung der Altonaer Rabbiner, die im heutigen Judentum fortbesteht und zahlreiche internationale Besucher anzieht, unterstreicht ebenfalls die transnationale Bedeutung dieser Stätte. Dies wurde auch anlässlich der Feier zum 400-jährigen Bestehen des Friedhofs am 31.Mai 2011 bekräftigt.

Irina v. Jagow, Stiftung Denkmalpflege Hamburg

 

WELTERBE HAMBURG !?

Speicherstadt und Kontorhausviertel mit Chilehaus - Jüdischer Friedhof Altona

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